Vorname: Heinrich B.
| (geb. 1504, † 1575) , von Bremgarten, unter den Reformatoren einer zweiten Ranges, aber wol unter allen der untadelhafteste und maßvollste denn er war in den mannigfaltigsten Conflicten besonnen und fest ohne Härte, und versöhnlich und vermittelnd ohne Aengstlichkeit und Schwäche. |
Den am Niederrhein Gebildeten erfüllte die reine, seelenvolle Frömmigkeit eines Thomas von Kempen. Neunzehn Jahre alt als Lehrer für die Auslegung der Schrift in das Kloster Kappel berufen, bewährte er sich als ausgezeichneter Schüler und Mitarbeiter Zwinglis und zunächst als Reformator des Klosters. 1529 wurde er evangelischer Prediger seiner Vaterstadt und erlangte als solcher im Vaterlande großes Ansehen. Als Bremgarten nach der Schlacht bei Kappel die schwere Hand des Siegers erfuhr, floh B. nach Zürich. Der siebenundzwanzigjährige Mann wurde zugleich von Zürich, Bern und Basel an die erste Pfarrstelle berufen; er fühlte sich aber zunächst verpflichtet, in Zwinglis Fußstapfen zu treten. Doch als der Rath die Geistlichen Zürichs in der freien Predigt beschränken wollte, erschien B. an der Spitze seiner Collegen vorder Obrigkeit mit der Erklärung, "das Wort Gottes wolle nicht gebunden sein" . Nicht nur erkämpfte er den Grundsatz, im Geiste Zwinglis predigen zu dürfen, sondern er brachte die Sitte auf daß die Diener der Kirche und Schule Zürichs an die "Rathsstube klopfen" durften, um in Angelegenheiten der Kirche und des Vaterlandes ihre Bitten und Gutachten mündlich vorzutragen. Das Ansehen, das der Vorsteher der zürcherischen Kirche genoß und die dadurch herbeigeführte Einigkeit zwischen Staat und Kirche verminderte den Nachtheil vollkommener Abhängigkeit der letzteren vom ersteren und erleichterte namentlich das einträchtige
Zusammengehen der evangelischen Städte der Schweiz. Daher ist die erste helvetische
oder zweite Baseler Confession (1636) Wesentlich Bullinger's Werk; und
daß dieser Calvin für den zürcherischen Consensus (1549) gewann , gab der
reformirten Kirche ein Bekenntniß, in welchem sich zuerst alle derselben angehörige
Länder vereinigt fühlten. So blieb, selbst neben dem großen Calvin, der
mürbe-unb und friedvolle B. lebenslang die erste Autorität und der verehrteste Kirchenvater
der reformirten Confession, so daß er endlich die Befriedigung hatte,
in seinem reifsten und verdienstvollsten Werke, der zweiten helvetischen Confession
(1566), seiner Kirche eine Glaubensnorm zu gewähren, welche für den reformirten
Kreis dasselbe geworden und Jahrhunderte geblieben, was die augsburgische
Confession für Luther's Glaubensgenossen war. Bullinger's Schriftauslegungen
wurden sehr geschätzt, mochte seinen Arbeiten auch die Breite Eintrag
thun. Auch in den Streitschriften verläugnete sich die Würde des evangelischen
Friedensmannes nicht; und so viel ihm am Einverständniß mit Luther und Melanchthon
gelegen war, so stand er doch sein Leben lang gegen Luther's Leidenschaft
und Calvin S Vorurtheil treu und tapfer für seinen Lehrer und Meister
Zwingli ein, dessen Werke er herausgab und dem er in seiner Chronik, und
namentlich in der zweiten Hälfte derselben, in der Reformationsgeschichte der
Schweiz (gedruckt 1838 —40, 3 Bde.), ein werthvolles Denkmal gestiftet, durch
welches er als Geschichtschreiber Tschudi an die Seite tritt , indem dieses, eine
Hauptquelle für die Schweizergeschichte, durch genaue Kenntniß der Verhältnisse,
gesundes Urtheil und treuherzige Sprache sich auszeichnet. Aus dem Jahre 1533
ist uns ein anonym erschienenes Drama von ihm erhalten: "Lucretia" (Basel
1588; vgl. Weller, Schweizer Volkstheater S. 23 ff.). Die Verführung Lucretia's
ist darin nur oberflächlich behandelt; die Tendenz des Stückes ist vielmehr
eine politische. Es ist aus republikanischem Selbstgefühl erwachsen. Dem Tyrannen
Tarquin gegenüber erscheint Brutus als Muster staatsmännischer Tugend.
Die Verschwörer, welche sich nach der Ueppigkeit und Zuchtlosigkeit des Hoflebens
sehnen, heißen Pensioner mit deutlicher Beziehung und mit ausdrücklichem Tadel
derer, die das " Vatterland verkaufen" . Der Herold wender sich geradezu an die
Räthe und ermahnt sie " am rechten" zu "bleiben steht" . Bullinger's Haus war
eine stets offene Zufluchtstätte für verfolgte Glaubensgenossen von nah und fern;
zahlreiche Italiener, Franzosen und Engländer verehrten in ihm einen Wohlthäter
und Beschützer, und die Briefe der königlichen Johanna Grey bezeugen
deren Dank für seinen Trost auf dem nahen Todesgange.Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten
Kirche. Bd. V. H. Bullinger von C. Pestalozzi. 1858.
| Mörikofer. |




